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  Information und Gesellschaft
 

Eine Wissenschaftliche Erörterung

Jeder meint, ihn zu verstehen; doch gehen die Deutungen und Ansichten über den Begriff "Informationsgesellschaft" auseinander. In seinem neuen Buch "Information und Gesellschaft" setzt sich Jörg Becker, Honorarprofessor für Politikwissenschaft an der Philipps-Universität, mit den Wechselbeziehungen zwischen Information, Kommunikation und Gesellschaft auseinander. Dabei stellt er aus einer international vergleichenden Perspektive heraus kulturelle Unterschiede und Konfliktfelder dar und zeigt die Grenzen bisheriger wissenschaftlicher Annäherungsversuche an diese Thematik auf. Denn nicht immer und überall führen Kommunikation und Information automatisch zu Aufklärung, Verständigung und Annäherung.
Der erste Teil des Buchs ist als umfassende Einführung gedacht. Hier nimmt Becker eine fachübergreifende Klärung von grundlegenden Begrifflichkeiten vor. Er erläutert nicht nur unterschiedliche Informationstheorien und damit verschiedene Interpretationen des Informationsbegriffs, sondern verdeutlicht anhand zahlreicher Beispiele auch psychische, kulturelle, historische, politische und wirtschaftliche Bedingungen von Information und Kommunikation .
Eine deutliche Absage erteilt Becker Ansätzen, welche auf dem Konzept der Systemtheorie basieren. Mit der NS-Ideologie habe es eine holistisch-philosophische Grundlage gemein: Das System als Fixpunkt und Bestimmungsmoment menschlichen Handelns. In der NS-Zeit habe es dafür die Parole "Du bist nichts, Dein Volk ist alles" gegeben. Individualität und Eigenverantwortung würden im systemtheoretischen Denken letztlich zu einer Restgröße degradiert.
Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich Becker mit dem Phänomen "Globalisierung", das er in seinen verschiedenen Dimensionen und damit einhergehenden Brüchen und Konflikten, vor allem zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, skizziert. Abschließend stellt er mit 20 Thesen die prekären Folgen der weltweiten Ausbreitung der Informationstechnologien zur Diskussion.
Der dritte Teil des Buches setzt sich in Tradition der Kritischen Theorie mit ausgesuchten Aspekten wie "Individuum und Informationstechnologien ", "Internationale Sprachenvielfalt zwischen Barriere und Reichtum" oder "Ökologie und Information/Kommunikation" auseinander. Aber auch den Postmodernismus hievt Becker auf den Prüfstand und bestimmt sein Verhältnis zur Informationstheorie. Dabei stellt er fest, dass die Postmoderne lediglich eine bejahende Philosophie sei, welche die gegenwärtigen Trends optimistisch in Bezug auf den fortschreitenden Technikeinsatz betrachte.
Im letzten Teil reflektiert Becker anhand von neun Gegensatzpaaren wie "Artikulieren" versus "Schweigen" oder "Unterschiede aufheben" versus "Konturen beibehalten" grundsätzliche Aspekte von Information und Kommunikation. Dies gipfelt in einem Plädoyer für Ab- und Entkoppelung von zunehmend verdichteten und vereinnahmenden Kommunikationsprozessen, um individuelle Autonomie zu bewahren . Denn nur wer seine Konturen und Identität erhält, weiß, wer er ist, und ist auch in der Lage, seinerseits zu kommunizieren und auf andere einzuwirken.
Das Buch "Information und Gesellschaft" richtet sich nicht nur an ein Fachpublikum, sondern an alle, die sich den vielen Merk- und Fragwürdigkeiten unserer alltäglichen und immer lauter werdenden Medienwelt auf einer höheren - aber keinesfalls langweiligen - Abstraktionsebene nähern möchten. Becker vermittelt fundiertes Hintergrundwissen, das auch dem Laien einen Überblick verschafft. Zugleich legt er mit einer Fülle anschaulicher Beispiele die Finger auf die Wunden politischen Versagens, wirtschaftlichen Baldowerns, technischer Fortschrittsgläubigkeit, sozialer Ungerechtigkeiten und wissenschaftlicher Versäumnisse. Diese gekonnte Verknüpfung macht zusammen mit seiner provokanten Empfehlung, durch Abstand Nähe zu sich selbst zu finden und sich gegen die heutige Informationsvermüllung zu wehren, den Reiz dieses Buches aus.

Olaf Krems


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